Ein totgeborenes Kind

,,Herr Professor Stierschneider, Ihr Realgymnasium für Hallein ist ein tot geborenes Kind!‘‘  Derart vielversprechend wurde Prof. Edmund Stierschneider im Frühjahr 1951 von Josef Brandauer empfangen, der damals schon der starke Mann der SPÖ Hallein war, durchaus mit Sinn auch für’s Grobe. Brandauer war Stadtparteiobmann der SPÖ und Bezirks-Parteivorsitzender der SPÖ Tennengau, SPÖ-Gemeindevertreter und Klubobmann der SPÖ-Gemeinderatsfraktion. Vor allem aber bestand daran kein Zweifel: Brandauer war der logische Nachfolger des amtierenden Bürgermeister Josef Döttl. Josef Brandauer, nachdem er Prof. Stierschneider begrüßt hatte: ,,Glauben S‘ mir das, Herr Professor, so was brauch’n wir in Hallein ganz bestimmt net!‘‘ Das Gespräch gestaltete sich also durchaus unerfreulich. Prof. Stierschneider entschloss sich deshalb zur Gründung der ,,Halleiner Zeitung‘‘, um ein geeignetes Instrument für den Kampf um das Realgymnasium für Hallein zu schaffen.
Wie wir heute wissen, wendeten sich die Dinge doch zum Guten. Als es galt, den Verein ,,Realgymnasium Hallein‘‘ zu gründen, da war 1954 im Proponenten-Komitee neben Prof. Edmund Stierschneider und Dipl.-Kfm. Friedrich Jacoby auch Gemeindevertreter Josef Brandauer vertreten. 1958 scheint im Vorstand des ,,Verein Realgymnasium‘‘ Josef Brandauer, mittlerweile Bürgermeister von Hallein, gemeinsam mit Bezirkshauptmann Hofrat Dr. Reischenböck als Obmann-Stellvertreter auf. Besonders erfreulich, auch der Sohn des Halleiner Bürgermeisters zählte schließlich zu den Schülern des Bundesgymnasiums Hallein.
Es waren die Probleme der Tennengauer Fahrschüler, die Prof. Edmund Stierschneider veranlasst hatten, sich mit allem Nachdruck für die Gründung eines Realgymnasiums in Hallein einzusetzen. Das Gedränge in den hoffnungslos überfüllten Zügen führte immer wieder dazu, dass  die  Schüler nur noch auf den damals üblichen, freiliegenden Plattformen an den beiden Waggonenden Platz fanden. Das war schon bei Regen unzumutbar. Im Winter aber standen die Schüler durchfroren im Fahrtwind, völlig vom aufgewirbelten Schnee bedeckt. Die schlechten Bahnverbindungen zwangen die Schüler, ihre Aufgaben in den stundenlang am Salzburger Hauptbahnhof stehenden Zügen zu erledigen. Übervolle Klassen in den ohnehin schwierigen Raumverhältnissen der Salzburger Mittelschulen mit Wanderklassen sowie die Ergebnisse einer Eltern-Umfrage in seiner ,,Halleiner Zeitung‘‘, die genügend Interesse für ein Realgymnasium in Hallein ergab – das waren für Prof. Stierschneider triftige Gründe, um in Hallein ein Realgymnasium durchzusetzen.
Die Idee, eine Mittelschule zu gründen, gestaltete sich jedoch gerade in Hallein besonders schwierig. Die Stadt hatte, nur wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg, nichts von ihrem  entsetzlichen Erscheinungsbild abgelegt, welches sie schon in den Jahrhunderten zuvor als reine Salz-Produktionsstätte der Salzburger Fürsterzbischöfe besessen hatte. Franz Schubert, auf der Reise von Salzburg nach Gastein, machte in Hallein Halt und schrieb an seinen Bruider: ,,Es ist, als ob man vom Himmel (Salzburg) auf einen Misthaufen (Hallein) fiele.‘‘ Die Hausfassaden der Stadt, rußgeschwärzt durch den Rauch der zahlreichen Salz-Siedehäuser, führten zur Bezeichnung ,,das schwarze Hallein‘‘. Dem Autor dieses Beitrags erzählten mehrere Frauen, dass sie als Kinder zu weinen begonnen hatten, falls ein Besuch in der Stadt Hallein geplant war. So sehr fürchteten sie sich vor dieser schrecklichen Stadt.
Keine Stadt vom Rang einer Bezirkshauptstadt in Mitteleuropa, besaß Mitte des vorigen Jahrhunderts ein derart erschreckendes Aussehen. Noch heuer stehen wir voll Respekt vor der Tatsache, dass in den ersten Jahren des Bundesgymasiums Hallein der Unterricht zuerst in einem historischen Altstadthaus am Schöndorferplatz und in weiterer Folge auch in einem Jahrhunderte alten Objekt in der Schiemerstraße erfolgreich abgewickelt werden konnte. Dass die Behörden den vorübergehenden Schulbetrieb in den völlig ungeeigneten Altstadt-Objekten überhaupt genehmigten, ist nur dem Umstand zu verdanken, dass von Anbeginn an ein neues Schulgebäude für das Bundesgymnasium geplant war.
KR Dipl.-Kfm. Friedrich Jacoby bildete eine der ganz großen Säulen im Kampf um eine Mittelschule für Hallein. Er regte als erfahrener Kaufmann die Gründung des Vereins ,,Realgymnasium Hallein‘‘ an um damit deutlich wirkungsvoller die Bemühungen für ein Gymnasium vorantreiben zu können. Die zahllosen Hindernisse, die sich
vor dem Proponenten-Komitee auftaten, wie etwa die lange, vergebliche Suche nach Räumlichkeiten für die ersten Klassen oder die immer wieder entstehenden finanziellen Engpässe, aber auch die Kämpfe mit den Behörden des Landes und jener in Wien, sie wirkten auf die Mitglieder des Proponenten-Komitees oftmals äußerst deprimierend. Schließlich waren bei einer der zahlreichen Zusammenkünfte alle Anwesenden der Meinung, man sollte das Vorhaben eines Realgymnasiums für Hallein fallen lassen. Daraufhin schlug Prof. Edmund Stierschneider mit geballter Faust derart auf den Tisch, dass er sich das Handgelenk prellte und die Handkante aufriss: ,,Wir geben nicht auf, das kommt überhaupt nicht in Frage!‘‘ Als er am späten Abend nach Hause kam, trug er einen dicken Verband um die rechte Hand, der ihm im Halleiner Krankenhaus angelegt worden war.
Prof. Edmund Stierschneider und Prof. Dr. Hans Seywald, beide aus Hallein, unterrichteten damals in der Mittelschule am Hanuschplatz in Salzburg, die sowohl eine Realschule als auch ein Realgymnasium unter ihrem Dach vereinte. Während einer Pause trat Prof. Stierschneider an Prof. Dr. Seywald heran, um ihn zu seiner Meinung über eine Mittelschule in Hallein zu befragen. Als dieser sich vorsichtig optimistisch äußerte, lud Prof. Stierschneider ihn zu einer Mitarbeit im Kreis der Kämpfer für ein Halleiner Gymnasium ein. Prof. Dr. Seywald erbat sich eine dreitägige Bedenkzeit, dann sagte er zu. Prof. Dr. Hans Seywald war in weiterer Folge mit ungeheurem Engagement im engsten Kreis der Befürworter eines Gymnasiums für Hallein tätig. Er wurde schließlich 1954 – 1961 amtsführender Leiter des Bundesgymnasiums Hallein, welches für diesen Zeitraum noch als Expositur des BRG Salzburg firmierte. 1961 – 1978 war Prof. Dr. Hans Seywald als verdienstvoller Direktor des Bundesgymnasiums Hallein tätig und erlebte 1966 die feierliche Eröffnung des Schul-Neubaus auf dem Georgsberg. Zu diesem Anlass erschien eine Festschrift, für deren Titelseite Prof. Edmund Stierschneider eine Tuschzeichnung beisteuerte. Noch Jahre danach betonte er, dass dies für ihn die wichtigste Zeichnung seines Lebens gewesen sei. Direktor Prof. Dr. Hans Seywald wurde für sein Wirken mit Auszeichnungen des Bundes und der Stadt Hallein bedacht und erhielt den Titel Hofrat.
Mit welcher Vehemenz Prof. Edmund Stierschneider hinter der Idee eines Realgymnasiums für Hallein stand, beschrieb Hofrat Prof. Dr. Seywald in einer Broschüre anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Bundesgymnasiums Hallein, unter anderem mit folgenden Worten: ,,Ich lernte mit Prof. Edmund Stierschneider einen fanatischen und einsatzwilligen Vorkämpfer für eine Mittelschule in Hallein kennen, der die schwierigsten Hindernisse mit geradezu niederzwingender Energie zu bewältigen verstand.‘‘  Prof. Edmund Stierschneider war sogar bereit, für die Durchsetzung einer Mittelschule in Hallein eine Zeitung zu gründen. Sie sollte nach Eröffnung der neuen Schule wieder eingestellt werden. Im Juli 1952 erschien die erste Ausgabe der ,,Halleiner Zeitung‘‘ im Kleinformat, gesetzt und gedruckt bei der Druckerei Reischl in Salzburg. Den anfangs geringen Einkünften aus dem Zeitungsverkauf und aus den Inseraten-Erlösen standen die viel zu hohen Kosten durch die Druckerei gegenüber. Prof. Stierschneider formulierte das später so: ,,Mit dem Arbeitsaufwand für die Redaktion, für die Werbung von Lesern und Inserenten sowie für die Buchhaltung konnte nur ein Teil der Druckerei-Kosten finanziert werden. Wir hatten nur die Möglichkeit, entweder aufzuhören oder eine eigene Hausdruckerei zu gründen.‘‘ Dies geschah im ausgebauten Keller des gerade erst bezogenen, kleinen Einfamilienhauses in der Rehhofsiedlung.
Damals gab es keine Computer-Technologie zur Text- oder Bild-Herstellung. Es wurde noch immer im Buchdruck-Verfahren gedruckt, welches 500 Jahre zuvor Johannes Gutenberg in Mainz erfunden hatte. Jede einzelne Schriftart stand nur in Form eines Setzkastens mit den einzelnen Bleilettern zur Verfügung. Ob in den verschiedenen Punkt-Größen oder Schriftschnitten wie fein, normal, halbfett, fett, oder davon alle Varianten gesondert in kursiv. Zeichnungen oder Fotos mussten mit Hilfe von teuren Klischees gedruckt werden. Große Druckereien verfügten über Tonnen an Letternmaterial und sie besaßen zumindest eine jener komplizierten und entsprechend teuren Setzmaschinen, mit der einzelne, in Blei gegossene Zeilen hergestellt werden konnten. Solch ein Wunderwerk war für die ,,Halleiner Zeitung‘‘ in den ersten Jahren unerschwinglich. Die Zeitung wurde zu Beginn der Eigenproduktion komplett im Handsatz hergestellt. Titelzeilen und Inserate wurden direkt in der Hausdruckerei aus verschiedenen Schriftarten gesetzt. Die Texte der einzelnen Zeitungsartikel wurden von vier Hausfrauen aus der Nachbarschaft gesetzt. Jede von ihnen hatte zu Hause einen Setzkasten stehen. Wenn der entsprechende Text fertig gesetzt war, wurde er in die Hausdruckerei gebracht. Nach dem Druck holten die emsigen Frauen wieder ihren Artikel ab, legten die einzelnen Lettern wieder zurück in ihren Setzkasten und begannen mit der nächsten Setzarbeit. Diese für jeden Druckeifachmann unvorstellbare Konstruktion funktionierte tatsächlich. Gedruckt wurde auf einer kleinen, durch Hand- und Fußbetrieb gesteuerten Druckmaschine, auf der jeweils nur eine Zeitungsseite gedruckt werden konnte. Nun bestehen Zeitungen jeweils aus vierseitigen Druckbögen. Somit wurden die Druckbögen zuerst in der Mitte gefalzt, mit der ersten Seite bedruckt, dann auf der Rückseite mit der nächsten Seite. Nun wurden die Druckbögen neuerlich gefalzt, so dass die beiden bedruckten Seiten innen zu liegen kamen. Die beiden jetzt außenliegenden, leeren Seiten, wurden nun hintereinander bedruckt. Aller Anfang ist schwer!
Prof. Stierschneider sprach bei Bürgermeister Josef Döttl, bei Bezirkshauptmann ORR Dr. Weninger, bei Landesschulinspektor Dr. Matthias Laireiter und schließlich auch bei bei Landeshauptmann Dr. Josef Klaus vor, um sie zum geplanten Realgymnasium in Hallein für
die ,,Halleiner Zeitung‘‘ zu interviewen. Er fand überall Verständnis und Zustimmung. Landeshauptmann Dr. Josef Klaus, hatte einen speziellen Rat bereit: ,,Herr Professor, wenn man Sie irgendwo zurückweist, dann heißt es: Vorne bei der Tür hinaus und hinten wieder hinein! Wenn es aber irgendwo gar nicht mehr geht, dann kommen Sie zu mir!‘‘ Trotz verschiedenster Hindernisse und erheblicher Probleme war es erfreulicher Weise nicht nötig, dieses freundliche Angebot des Landesherrn irgendwann einmal in Anspruch zu nehmen.
Auf der Suche nach einem geeigneten Bauplatz für die neue Mittelschule war man auch auf den Georgsberg gestoßen. Für Prof. Edmund Stierschneider von Anbeginn an eine atemberaubende Gelegenheit, dem Gymnasium einen ganz besonderen Standort oberhalb der Halleiner Altstadt zu verschaffen: ,,Dies ist der schönste und exklusivste Bauplatz in Hallein.‘‘ Der Georgsberg hatte seit 1684 das Augustinerkloster getragen. Weithin sichtbar über Hallein auf dem Georgsplatz gelegen, bildete die kleine Klosteranlage den schon vom weitem sichtbaren, architektonischen Blickfang der Salinenstadt. Als das Kloster aufgelöst wurde, fand hier 1850 das Bezirksgericht seine Unterkunft. 1891 folgte die Bezirkshauptmannschaft Hallein. Auch das Steueramt wurde hierher verlegt und ein kleines Nebengebäude diente als Gefängnistrakt. Hier brach am 22. März 1943 Feuer aus, das sich bei herrschendem Südsturm rasend schnell ausbreitete. Die Stadtpfarrkirche und Häuser in deren Umgebung fingen Feuer. Von den einstigen Klosterbauten blieb nur eine Brandruine übrig. Ihr Eigentümer war das Stift Michaelbeuern. Prof. Stierschneider suchte den Abt des Stiftes auf, unterbreitete das Vorhaben, an Stelle der Klosterruine ein Bundesrealgymnasium zu errichten und stieß auf vollstes Verständnis. Der Abt war bereit zu verkaufen. Nun mussten umfangreiche Gespräche mit den zuständigen Stellen geführt werden, um deren Einverständnis für das Areal als Bauplatz für das neue Bundesgymnasium zu gewinnen.
Da meldete sich der Abt aus Michaelbeuern telefonisch bei Prof. Stierschneider und wies darauf hin, dass Vertreter des ,,Musischen Heims Mauterndorf‘‘‘ größtes Interesse an der Klosterruine und dem dazugehörigen Gelände hätten und schon am nächsten Tag dafür eine Anzahlung leisten wollten. Nun war Eile angesagt. Vereinsobmann KR Dipl.-Kfm. Jacoby und dessen Stellvertreter Bürgermeister Brandauer waren auswärts unterwegs und nicht erreichbar. Prof. Stierschneider verständigte ORR Bezirkshauptmann Weninger und dann ging es noch am gleichen Tag nach Michaelbeuern. Prof. Stierschneider hatte zuvor noch die geforderte Anzahlungssumme von 10.000 Schilling von  seinem Konto abgehoben und so konnte ein Vorvertrag abgeschlossen werden. Zwei Tage später sprachen Prof. Stierschneider und ORR Bezirkshauptmann Weninger bei dem inzwischen wieder in Hallein anwesenden Bürgermeister Brandauer vor, um ihn über ihre Blitzaktion zu informieren. Als der Bürgermeister hochfahren wollte, weil er sich übergangen glaubte, da geschah etwas völlig Unerwartetes. Der Bezirkshauptmann, ein echter Sir voll Ruhe und Besonnenheit, sprang vom Sessel auf, stand breitbeinig vor dem Bürgermeister und brüllte: ,,Sepp, hoit die Gosch‘n! Der Professor Stierschneider hat uns den Georgsberg für das Bundesgymnasium gerettet!‘‘ Damit war alles klar. Der Bürgermeister holte eine Karaffe mit Schnaps und die Drei stießen auf die glückliche Zukunft des Bundesgymnasiums auf dem Georgsberg an. Dieser Umtrunk tat ganz offensichtlich seine Wirkung, denn das einst ,,totgesagte Kind‘‘ feiert nun voll Freude und in stolzer Verfassung seinen 60. Geburtstag!

Odo Stierschneider