Wie aus dem „unehelichen Kind“ ein „legitimiertes“ wurde

Im Jahre 1954 existierte in Hallein kein Gymnasium und in Salzburg waren die bestehenden schon hoffnungslos überlastet. Da für diese kaum Ausbaumöglichkeiten bestanden, konnten sie nur wenige Schüler aus dem Tennengau aufnehmen.
In dieser Situation berief Herr Prof. Stierschneider (damaliger Herausgeber der „Halleiner Zeitung“ ) am 20. März 1954 eine Versammlung der Elternschaft, der Professoren und aller involvierten Behörden ein, um eine Lösung für die Schüler aus dem Tennengau zu finden. Der Vertreter der Landesschulbehörde stellte die Errichtung einer Expositur des Salzburger Bundesrealgymnasiums in Aussicht, sofern der Landesschulbehörde – außer der Bereitstellung der Professoren – keinerlei Kosten entstehen würden.
Mein Vater, Herr Dipl. Kfm. Friedrich Jacoby schlug vor, den Verein „Realgymnasium Hallein“ zu gründen, der die Mittel für die Anmietung von Räumlichkeiten, deren Umbau und Einrichtung durch Spenden der Elternschaft und einiger Sponsoren aufbringen sollte.
In kurzer Zeit  konnten alle administrativen und bürokratischen Angelegenheiten geregelt werden, wobei der damalige Bürgermeister  Johannes Döttel und dessen Nachfolger, Josef Brandauer, das Projekt nach Kräften unterstützten.
Zum Schulbeginn war der Umbau der 1. und 2. Klasse im früheren „Kolpinghaus“ am Schöndorferplatz fertiggestellt und die Klassenzimmer eingerichtet.
Allerdings ergab sich aus der Eröffnung auch ein Problem: Der Direktor des Bundesrealgymnasiums Salzburg musste die bevorstehende Eröffnung der Expositur in Hallein dem Bundesministerium für Unterricht anzeigen.
Allen Beteiligten (Schulbehörden, Land Salzburg, Stadtgemeinde Hallein etc.) war der Prioritätenkatalog, den das Bundesministerium für Unterricht für die Errichtung neuer Gymnasien im Bundesland Salzburg  festgelegt hatte, bekannt:
Gymnasien sollten vorrangig in jenen Bezirksstädten errichtet werden, die von der Stadt Salzburg am weitesten entfernt waren. Daraus ergab sich eine klare Reihenfolge für die Eröffnung neuer Gymnasien: 1) Zell am See, 2) Tamsweg, 3) St. Johann/Pongau und   4) Hallein.
Die Aufgabe bestand nun darin, die  Informationspflicht an das Ministerium zu erfüllen, anderseits durfte bis zur Eröffnung der Expositur die Tatsache nicht augenfällig werden, dass die Eröffnung einer Expositur in Hallein eine Umgehung der Prioritäten für neue Gymnasien darstellte. Anderenfalls bestand die  Gefahr einer Verhinderung der Eröffnung der Expositur mittels Weisung durch das Unterrichtsministerium.
Im Falle einer solchen Maßnahme wäre der Betrieb der Expositur unmöglich geworden. Die Schüler hätten über keinen Gymnasiumplatz verfügt und die vom Verein aufgebrachten Kosten wären verloren gewesen. Nachdem alle Verantwortlichen, inklusive des damaligen Leiters der Expositur, Dr. Hans Seywald, über der Lösung des Problems gebrütet hatten, schlug mein Vater, als Obmann des Vereins „Realgymnasium Hallein“, folgende Vorgangsweise vor:
Die Information an das Unterrichtsministerium solle lediglich darin bestehen, den damaligen Unterrichtsminister Dr. Heinrich Drimmel zur Eröffnung der Expositur des Bundesrealgymnasiums Salzburg in Hallein, einzuladen und ihn  gleichzeitig zu bitten, die Festansprache zu halten. Wie zu erwarten war, teilte das Büro des Herrn Bundesministers mit, dass Herr Dr. Drimmel zu seinem großen Bedauern verhindert sei, jedoch in Vertretung des Ministers ein Ministerialrat an der Eröffnung teilnehmen und auch die Festansprache halten werde. [Das Büro des Herrn Bundesministers prüfte nicht, ob das Ministerium bereits über das ganze Projekt informiert worden sei, da es eine solche Information voraussetzte].
Der entsandte Ministerialrat überbrachte die herzlichsten Glückwünsche des Herrn Unterrichtsministers zur Eröffnung der Expositur in Hallein und versicherte allen Festgästen, dass durch diese Eröffnung ein lang gehegter Wunsch des Bundesministeriums in Erfüllung gegangen sei. [Der Herr Ministerialrat hielt  jene Rede, die er auch bei anderen Eröffnungen gehalten hatte].
 Auf Anraten meines Vaters, wurde die Ansprache des Herrn Ministerialrates auf einen Tonfilm festgehalten (dies war in jener Zeit bei solchen Zeremonien völlig unüblich). Die Eröffnungsfeier der Expositur in Hallein endete harmonisch und die Schule ging in Betrieb.
Es kam, wie es kommen musste: ca. 1 ½ Monate später  reiste ein anderer Ministerialrat aus Wien an, überzeugte sich vom faktischen Betrieb der Expositur und zeigte seine Empörung über die Inbetriebnahme einer Expositur eines Bundesrealgymnasiums, ohne Wissen des Bundesministeriums für Unterricht. Mein Vater hatte den Tonfilm schon vorbereitet und ließ ihn in Anwesenheit des erstaunten Ministerialrates abspielen. Am Ende erklärte mein Vater, dass von einer Nicht-Information des Bundesministeriums nicht die Rede sein könne, da der Herr Unterrichtsminister selbst sogar seine Glückwünsche zur Eröffnung übermittelt habe. Der empörte Ministerialrat sagte, ein solches Vorgehen könne vom Unterrichtsministerium keinesfalls geduldet werden und die Expositur müsse  geschlossen werden. Im weiteren Verlauf ergaben sich eine Reihe von Briefen, Telefonaten und Interventionen, wobei wiederholt die bevorstehende Schließung der Expositur angekündigt wurde. Als Gegenargument wurden der schon bestehende Schulbetrieb und die vorhandene hohe Schülerzahl ins Treffen geführt. Die Diskussion zog sich über ein Jahr hin. Kurz nach Schulanfang des Jahres 1955 wurde am 22.10.1955 das neue Bundesrealgymnasium für Mädchen in Salzburg, in der Josef- Preis-Allee in Anwesenheit des Herrn Unterrichtsministers Dr. Drimmel eröffnet. Im Anschluss an diesen Festakt schlug‚ Herr LH Dr. Josef Klaus dem Herrn Unterrichtsminister vor, mit ihm einen kleinen Ausflug zu machen, da er ihm „etwas“ zeigen wolle. Dr. Drimmel stimmte zu und eine halbe Stunde später standen sie in Hallein auf dem Schöndorferplatz vor der Expositur des Bundesrealgymnasiums. Herr Dr. Drimmel ließ sich die Schule zeigen und im Laufe dieser Besichtigung stellte Herr Dr. Drimmel dem LH Dr. Josef Klaus und den Mitgliedern des Vereins „Realgymnasium Hallein“ in Aussicht, sich für die Erhaltung der Expositur und deren weiteren Ausbau einzusetzen.
Kurze Zeit später kam jener Ministerialrat, welcher die Schließung des Gymnasiums wiederholt angedroht hatte,  nach Hallein und erklärte, er habe dem Herrn Unterrichtsminister in einem persönlichen Gespräch die Schließung des Gymnasiums in Hallein vorgeschlagen. Der Herr Unterrichtsminister Dr. Drimmel habe ihm geantwortet: „Im Prinzip haben sie selbstverständlich recht, aber ich war vor einigen Tagen selbst in Hallein und habe die Schule besichtigt. Natürlich ist dieses Gymnasium  ein „uneheliches Kind“ aber da es nun mal da ist, müssen wir es wohl oder übel aufziehen.“ Er ersuchte den Herrn Ministerialrat nach Hallein zu reisen und die Angelegenheiten mit allen zuständigen Stellen zu regeln.
So wurde aus dem „unehelichen Kind“ ein „legitimiertes“.

Dr. Heinrich Jacoby